19°23′53.16″ Nord, 97°16′52.32″ West - hier soll sich der Ursprungsort einer Infektionskrankheit befinden, die sich seit dem Frühjahr 2009 über nahezu den gesamten Globus ausgebreitet hat. In der mexikanischen Ortschaft La Gloria erkrankten im März hunderte mit grippeähnlichen Symptomen. Aus dem Rachenabstrich eines fünfjährigen Jungen wurde später erstmals der Erreger der Schweinegrippe nachgewiesen [1].
Nutzen und Risiken der mittlerweile angelaufenen Impfaktion gegen die Schweinegrippe werden kontrovers diskutiert. Dabei stehen häufig Befürchtungen über mögliche Nebenwirkungen der Impfung dem Wunsch gegenüber, sich und andere effektiv vor der Erkrankung zu schützen.
Die bei einer Schweinegrippe-Impfung gespritzten inaktiven Viren oder Virusbestandteile werden als Antigene bezeichnet. Das Immunsystem erkennt normalerweise diese Antigene als schädlich und bildet als Reaktion spezifische Antikörper, welche gegen die Antigene gerichtet sind. Gerät der Körper später mit „echten“ Schweinegrippe-Erregern in Kontakt soll durch die vorausgegangene Impfung eine hinreichende Abwehrfunktion des Immunsystems bestehen und so ein Ausbruch der Schweinegrippe verhindert werden.
In der Europäischen Union sind zur Zeit vier Impfstoffe zugelassen: Pandemrix, Focetria, Celvapan und Celtura [2]. Im Rahmen der Impfaktion in Deutschland wurden 50 Millionen Dosen Pandemrix des Herstellers GlaxoSmithKline und 200.000 Dosen Celvapan des Herstellers Baxter geordert [3]. Diese reichen bei jeweils zwei Injektionen in das Muskelgewebe des Oberarms pro Impfung insgesamt für gut 25 Millionen Impfungen. Hiermit sollen zunächst die Risikogruppen, also chronisch Kranke, Schwangere und Kleinkinder sowie medizinisches Personal und Sicherheitspersonal geimpft werden. Vor allem chronisch Kranke, Schwangere und Kleinkinder haben angeblich ein höheres Risiko, im Rahmen einer Schweinegrippe an schwerwiegenden Komplikationen zu erkranken [4].
Die Impfstoffe enthalten inaktivierte Krankheitserreger, die im Körper nicht mehr vermehrungsfähig sind und somit auch nicht mehr das Potential haben eine Schweinegrippe auszulösen. Im Ganzpartikelimpfstoff Celvapan sind inaktivierte Viren enthalten. Der Teilpartikelimpfstoff Pandemrix hingegen enthält Fragmente der Virusoberfläche. Außerdem enthält Pandemrix im Unterschied zu Celvapan sogenannte Wirkverstärker (Adjuvantien). Dabei handelt es sich um Trägerstoffe der Antigene, die dabei helfen sollen die Immunantwort bei einer Impfung zu erhöhen. Da Kleinkinder und Schwangere aus ethischen Gründen nicht in Impfstudien einbezogen werden und somit empirische Daten über mögliche Nebenwirkungen von Adjuvantien in diesen Gruppen fehlen, hat die Ständige Impfkommission (STIKO) empfohlen hier einen Impfstoff ohne Wirkverstärker zu verwenden [4].
Die Zulassung von Pandemrix durch die Europäische Arzneimittelbehörde erfolgte nach Ausbruch der Schweinegrippe unter Zeitdruck. Somit unterscheiden sich die bei Pandemrix angewandten Prüfungskriterien auch von den üblichen Anforderungen. In klinischen Studien wurde der Nachweis eines effektiven Impfschutzes lediglich für einen Modellimpfstoff erbracht, in dem die selben Wirkverstärker und Konservierungsstoffe enthalten sind, jedoch ein anderer Subtyp von inaktivierten Antigenen [5] .
Dieses Vorgehen erscheint bei Pandemien mit hohen Mortalitätsraten gerechtfertigt. Für diesen Fall erscheint auch die Anwendung von Wirkverstärkern sinnvoll, da hierdurch weniger aufwendig zu produzierendes Antigen benötigt wird und somit mehr Menschen in kurzer Zeit geimpft werden können. Strittig ist, ob die Schweinegrippe in ihrer aktuellen Ausprägung dieses Kriterium erfüllt. Der klinische Verlauf der Erkrankung ist zur Zeit bei den meisten Infizierten nicht lebensbedrohlich. Im Vergleich zur saisonalen Grippe ist die Anzahl der an einer Schweinegrippe verstorbenen bisher glücklicherweise deutlich geringer [6].
Deshalb bemängeln Kritiker der Impfaktion in ihrer jetzigen Form eine unzureichende Kenntnis über das Auftreten seltener und schwerer Nebenwirkungen. In diesem Zusammenhang ist das im Pandemrix-Adjuvans AS03 enthaltene Squalen und das Konservierungsmittel Thiomersal zu erwähnen. Es gibt kaum Erfahrung mit der Verwendung von AS03 in Impfstoffen, weshalb die jetzige breite Anwendung teilweise auch in Fachkreisen als „bedenklicher Großversuch“ [7] kritisiert wird. So wurde im Tierversuch bei Injektion von Squalen das Auftreten von Autoimmunkrankheiten wie z.B. rheumatoider Arthritis beobachtet [8]. Thiomersal enthält eine Quecksilberverbindung und findet heute kaum mehr Verwendung in Impfstoffen. Ein Zusammenhang zwischen den in Impfstoffen enthaltenen Mengen Thiomersal und neuropsychiatrischen Entwicklungsstörungen konnte jedoch nicht nachgewiesen werden [9].
Ob man sich vor dem Hintergrund der eher dürftigen empirischen Basis und des meist milden Krankheitsverlaufs nun mit Pandemrix impfen lassen möchte oder nicht bleibt eine individuelle Abwägung vor dem Hintergrund des eigenen Risikoprofils. Verwunderlich erscheint in diesem Zusammenhang jedenfalls, dass man beispielsweise in den USA auf die Verwendung von Wirkverstärkern in Impfstoffen zur Schweinegrippe-Impfung wegen mangelhafter Erprobung verzichtet [7].
Quellen:
[1] Süddeutsche Zeitung, 29.4.2009: „´Patient Null`- Rätsel um den Ursprung der Schweinegrippe“
[2] Johansen K, Nicoll A, Ciancio BC, Kramarz P. Pandemic influenza A(H1N1) 2009 vaccines in the European Union. Euro Surveill. 2009;14(41):pii=19361. Available online
[3] Wikipedia-Artikel zum Schweinegrippe-Impfstoff
[4] STIKO- Empfehlungen zur Impfung gegen Neue Influenza
[5] Information der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ)
[6] Epidemiologischer Wochenbericht des Robert Koch-Instituts zur Situation der Influenza A/H1N1 Kalenderwoche 44, 26. Oktober - 1.November 2009
[7] blitz-a-t 25. August 2009; SCHWEINEGRIPPE: ALLES IM GRIFF?
[8] Wikipedia-Artikel zu Squalen
[9] Stellungnahme der europäischen Arzneimittelbehörde zur Verwendung von Thiomersal in Impfstoffen (Englisch)
Zugriff auf angegebene online-Quellen jeweils am 14.11.2009
* Alle Angaben ohne Gewähr - Stand der Informationen 11/2009. Dieser Artikel stellt keine Gesundheitsberatung dar. Bevor Sie hinsichtlich der Schweinegrippe etwas unternehmen oder in Erwägung ziehen, etwas nicht zu unternehmen, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt.